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Meine aktuelle Predigt                      

Möchten Sie die neueste Predigt aus der Kirche in Oberneuland noch einmal nachlesen? Dann sind Sie hier goldrichtig!

Mein Stil ist einfach, elementar, volkskirchlich, in bestem Sinne missionarisch. Dabei geht es darum, die Probleme und Sorgen der vermuteten Hörerinnen und Hörer einzubeziehen.

Etwa alle 14 Tage erscheint auf dieser Seite eine neue Predigt. Die alten Predigten werden dann gelöscht. Es ist wie mit dem täglichen Brot: Es sollte frisch sein - so auch die Predigt.

Gottes Segen wünscht      Ihr Frank Mühring

 

 

„Wer glaubt, wird sehen“ Predigt zu Johannes 9,1-7

Pastor Frank Mühring         Bremen, 2.8.2020

 

Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.   (Johannes 9,1-7)

 

Liebe Gemeinde,

 

„Wir glauben nur das, was wir sehen. Darum glauben wir (jetzt) alles, seit es das Fernsehen gibt.“ Das soll der Kabarettist Dieter Hildebrandt einmal mit einem breiten Grinsen gesagt haben. Spätestens seit man seine eigenen digitalen Bilder zuhause am Heimcomputer manipulieren kann, sollte klar sein: Ich glaube nur das, was ich sehe - dieser Satz ist Unsinn. Nichts ist so leicht zu täuschen wie das Auge. Nicht so leicht auszutricksen wie die menschlichen Sinne. Es gibt PC-Programme, die machen dem Portrait einer grauhaarigen 40-Jährigen wieder eine frische blonde 20-Jährige. Störende Details im Bild kann man mit einem Klick verschwinden lassen. Klick, und die Welt ist wieder hübsch. Nur an das zu glauben, was man sieht, ist eine Mogelpackung. Dieter Hildebrandt wusste das schon im Kabarett der 90er und hat es auf die Spitze getrieben. Er trat als Blinder mit Sonnenbrille, weißem Stock und gelber Binde am Arm auf und verkündete lauthals. „Also ich für meinen Teil – ich glaube wirklich nur das, was ich sehe.“ Mensch, du hältst dich für klug und sehend? Nein, du bist blind. Jedenfalls für Gott.

 

*

 

Johannes ist der Adler unter den vier Evangelien. Seine Weisheit kommt von ganz oben, aus dem Himmel. Bei ihm sind die Sehenden in Wahrheit blind. Blind nicht an sich, aber für Gott. Darum geht es hier: Wie kann ich in dieser Welt Gott schauen, erleben, erfahren? Geht das überhaupt? Jeder glaubt feste mitreden zu können, Und leider meint fast jede und jeder, er oder sie sei da ganz große Experten. Aber die Sehenden sind blind. Und der Blindgeborene ist tatsächlich der einzige, der ein Gespür für Gottes Macht hat. Typisch Johannesevangelium: Hier gilt Ball paradox, alles ist verkehrt herum. Der Blinde kann weit sehen, die Sehenden sind die Kurzsichtigen. Da muss man im Kopf umparken können!

 

Die obersten Blindfische sind die Jünger Jesu. Sie fragen Jesus: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Vorsicht, Fangfrage! Die Jünger unterstellen einen Zusammenhang zwischen Krankheit und Schuld. Wir kennen alle diese Kurzschlüsse. Etwas mit der Lunge? Selbst schuld, hat immer zu viel geraucht, der Mann. Krebs auf der Haut? Warum musste die Frau auch jede freie Minute in der Sonne liegen … Die Blindheit steckt in der logischen Schlussfolgerung: Krank - dann hat er oder sie das sich ganz allein zuzuschreiben. Gemein wird es, weil „selbst schuld“ da gelten soll, wenn jemand schon mit einer Behinderung zur Welt gekommen ist. Wenn nicht der Blinde selbst, dann müssen eben seine Eltern schuld sein. Diese Diagnose ist nicht nur laienhaft schlecht, sie ist auch dumm und kurzsichtig. Im Johannesevangelium sind die Jünger immer das Beispiel dafür, wie man nicht denken, glauben, handeln sollte. Sie tapern seltsam ahnungslos durch Welt, ohne Gespür für die Menschen und für Gottes Macht. Wie wir manchmal …

 

Jesus interessiert die doofe Schuldfrage für keinen Cent. Im Streitgespräch stellt er ganz klar: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern. Darum ist Jesus nicht in die Welt gekommen. Um mitzuspielen bei dem Spiel: „Ich bin nicht schuld – du bist schuld.“ Die ganze Welt liebt dieses Spiel. Der amerikanische Präsident spielt es mit Perfektion. Andere können das auch. Jesus aber ist nicht gekommen, um altbekannte Spiele zu spielen. Jesus will unsere Augen für Gott öffnen. Für Gottes Liebe gegenüber jeder Art von Geschöpf. Für die Liebe den Menschen mit Behinderungen gegenüber. Gott liebt die, die es nicht leicht haben. Die, die anders sind. Darum steht Jesus immer an der Seite derer, die leicht aus dem Rahmen rutschen. Weil sie nicht so flink, so wendig und so cool sind wie die vermeintlich Cleveren. Er liebt die Wehrlosen, darum auch die Blinden.  

 

*

 

In einer evangelischen Gemeinde am Starnberger See betet ein Pastor immer mit der Gemeinde, bevor er auf der Kanzel loslegt:

 

Herr, gib trübe Augen für Dinge, die nichts taugen,

und Augen voller Klarheit für dich und deine Wahrheit.

(Gebet der Gemeinde Berg am Starnberger See)

 

Das gefällt mir. Weil Kirche hier mal die Blindheit zuerst bei sich selbst und nicht bei anderen sucht. Man bittet um trübe Augen für das, was sinnloses Zeug ist. Das soll keinen Platz im Gottesdienst und im Leben haben. So denkt Johannes übrigens auch. Die bayrische Gemeinde (es gibt kluge und sehende Bayern!)  bittet darum, durch Gottes Wort Klarheit und Wahrheit zu finden. Darum geht es doch immer! Dass es hier in der Welt wirklich um Gott und um unser echtes Leben gehen soll. Um unsere Existenz. Um Frieden, um Heilung für eine erkrankte Gesellschaft. Um das wahre Sein.

 

Licht soll auf mein Leben fallen, himmlisches Licht. Das Licht der Wahrheit, wie Gott wirklich ist. Nichts soll den Blick dafür verstellen. Dieses Licht ist nicht fern. Es leuchtet hell und strahlend aus der Person Jesu von Nazareth heraus. Aus einem Menschen, der so war, wie Gott ihn sich gedacht hat. Er bringt neues Licht in das Streitgespräch. Es trübt nur dein Auge, wenn du dich immer fragst, wenn du im Leben nicht weiterkommst: Wer ist schuld, der oder die? Sinnloses Zeug. Der Sinn leuchtet für dich woanders auf.

 

*

 

Jesus tut so, als wäre er von den Jüngern gefragt worden: „Was soll das, dass dieser Menschen blind geboren ist?“ Er dreht deren Frage in die richtige Richtung. Seine Antwort: „ Es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.“ Anders gesagt: Dass der Blinde blind ist, gehört zu seinem Leben, wie es Gott ihm gegeben hat. Es hat nichts mit Schuld zu tun. Es ist, wie es ist. Das bedeutet nicht, dass es medizinisch nichts für Jesus zu tun gäbe. Sobald Jesus ihn körperlich berührt und ihm eine Schlammsalbe auf die Augen schmiert, gehen ihm die Augen auf. Er soll sich waschen und reinigen, mehr muss er nicht tun. Die Jünger, die sich für so schlau hielten, verstummen angesichts des Vorfalls. Immerhin sind sie so klug, nicht dämlich zu fragen: „Ja, ist der denn überhaupt krankenversichert? Wie sollen wir deine Leistung jetzt nur abrechnen, Jesus?“

 

Bemerkenswert an den Heilungswundern Jesu ist: Hier steht nicht das Verschwinden der Krankheit im Zentrum. Die Heilung beginnt, sobald Jesus in dein Leben kommt. „Ich bin das Licht der Welt,“ sagt Jesus so beiläufig, das man es überhören und im Johannesevangelium überlesen könnte. Weil es so selbstverständlich klingt. Aber nicht ist. Wir leben in tiefster Umnachtung. Leider auch die Kirche! Die Heilung besteht darin, Augen für Gottes Licht zu bekommen. Von uns aus haben wir die nicht, da sind und bleiben wir blind. Aber Jesus ist so etwas wie das Nachtsichtgerät Gottes für die Welt. Wenn du nur schwarz siehst und denkst: Das wird ja alles nur schlimmer hier auf Erden, Amerika, Syrien, das verlorenen Miteinander, zeigt er uns einen Weg. Er führt dich ins Licht, in wahre Leben.

 

*

 

Die Heilung ist freilich nur für Glaubende zu erfahren. Wer glaubt, wird sehen. Der sieht vor allem ein, dass Gott die Seinen nicht in der Finsternis belässt. Für den beginnt die Welt zu tanzen. Vermeintlich Schlaue irren und Blinde können sehen. Gottes Welt beginnt.

 

In einem modernen Kirchentagslied „Wir haben Gottes Spuren festgestellt“ heißt es.

 

Bettler und Lahme sahen wir beim Tanz,
hörten wie Stumme sprachen,
durch tote Fensterhöhlen kam ein Glanz,
Strahlen die die Nacht durchbrachen.

 

Zeichen und Wunder sahen wir geschehn
in längst vergangnen Tagen,
Gott wird auch unsre Wege gehn,
uns durch das Leben tragen.

 

Amen.

 
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