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Meine aktuelle Predigt                      

Möchten Sie die neueste Predigt aus der Kirche in Oberneuland noch einmal nachlesen? Dann sind Sie hier goldrichtig!

Mein Stil ist einfach, elementar, volkskirchlich, in bestem Sinne missionarisch. Dabei geht es darum, die Probleme und Sorgen der vermuteten Hörerinnen und Hörer einzubeziehen.

Etwa alle 14 Tage erscheint auf dieser Seite eine neue Predigt. Die alten Predigten werden dann gelöscht. Es ist wie mit dem täglichen Brot: Es sollte frisch sein - so auch die Predigt.

Gottes Segen wünscht      Ihr Frank Mühring

„Der rote Faden“

Predigt zu Josua 2,1-21

Pastor Frank Mühring                                 Bremen, 13.10.2019

 

Josua, der Sohn Nuns, sandte von Schittim zwei Männer heimlich als Kundschafter aus und sagte ihnen: Geht hin, seht das Land an, auch Jericho. Die gingen hin und kamen in das Haus einer Hure, die hieß Rahab, und kehrten dort ein.

Da wurde dem König von Jericho angesagt: Siehe, es sind in dieser Nacht Männer von Israel hereingekommen, um das Land zu erkunden. Da sandte der König von Jericho zu Rahab und ließ ihr sagen: Gib die Männer heraus, die zu dir in dein Haus gekommen sind; denn sie sind gekommen, um das ganze Land zu erkunden.
Aber die Frau verbarg die beiden Männer und sprach: Ja, es sind Männer zu mir hereingekommen, aber ich wusste nicht, woher sie waren. Und als man die Stadttore zuschließen wollte, als es finster wurde, gingen sie hinaus, und ich weiß nicht, wo sie hingegangen sind. Jagt ihnen eilends nach, dann werdet ihr sie ergreifen. Sie aber hatte sie auf das Dach steigen lassen und unter den Flachsstängeln versteckt, die sie auf dem Dach ausgebreitet hatte.


Die aber jagten den Männern nach auf dem Wege zum Jordan bis an die Furten, und man schloss das Tor zu, als die draußen waren, die ihnen nachjagten. Und ehe die Männer sich schlafen legten, stieg sie zu ihnen hinauf auf das Dach und sprach zu ihnen: Ich weiß, dass der HERR euch das Land gegeben hat; denn ein Schrecken vor euch ist über uns gefallen, und alle Bewohner des Landes sind vor euch feige geworden. Denn wir haben gehört, wie der HERR das Wasser im Schilfmeer ausgetrocknet hat vor euch her, als ihr aus Ägypten zogt, und was ihr den beiden Königen der Amoriter, Sihon und Og, jenseits des Jordans getan habt, wie ihr an ihnen den Bann vollstreckt habt. Und seitdem wir das gehört haben, ist unser Herz verzagt und es wagt keiner mehr, vor euch zu atmen; denn der HERR, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden. So schwört mir nun bei dem HERRN, weil ich an euch Barmherzigkeit getan habe, dass auch ihr an meines Vaters Hause Barmherzigkeit tut, und gebt mir ein sicheres Zeichen, dass ihr leben lasst meinen Vater, meine Mutter, meine Brüder und meine Schwestern und alles, was sie haben, und uns vom Tode errettet.

 

Die Männer sprachen zu ihr: Tun wir nicht Barmherzigkeit und Treue an dir, wenn uns der HERR das Land gibt, so wollen wir selbst des Todes sein, sofern du unsere Sache nicht verrätst. Da ließ Rahab sie an einem Seil durchs Fenster hernieder; denn ihr Haus war an der Stadtmauer, und sie wohnte an der Mauer. Und sie sprach zu ihnen: Geht auf das Gebirge, dass euch nicht begegnen, die euch nachjagen, und verbergt euch dort drei Tage, bis sie zurückkommen, die euch nachjagen; danach geht eure Straße. Die Männer aber sprachen zu ihr: Wir wollen den Eid so einlösen, den du uns hast schwören lassen: Wenn wir ins Land kommen, so sollst du dies rote Seil in das Fenster knüpfen, durch das du uns herniedergelassen hast, und zu dir ins Haus versammeln deinen Vater, deine Mutter, deine Brüder und deines Vaters ganzes Haus. Sie sprach: Es sei, wie ihr sagt!, und ließ sie gehen. Und sie gingen weg. Und sie knüpfte das rote Seil ins Fenster.  (Josua 2,1-21 *)

 

Liebe Gemeinde,

 

eine spannende Geschichte davon, dass unser Glaube es schafft, Mauern zu überwinden. Eine Gegengeschichte gegen alle, die 30 Jahre nach der Wende „Baut die Mauer“ rufen wie die Anhänger von Donald Trump. Gegen alle, die meinen, Stacheldraht und Zäune könnten Mittel sein, Menschen auf dem Weg in die Freiheit aufhalten. Eine Lerngeschichte für uns, die wir meinen uns schützen zu müssen gegen Leute, die uns fremd sind. Sie lädt ein, unsere Vorurteile zu hinterfragen und unsere pauschalen Urteile. Über Leute, die vielleicht anders leben, anders denken, anders lieben und hoffen. Als jüdische Geschichte aus dem Alten Testament lädt sie ein, die immer noch bestehenden Mauern zwischen uns und den Juden einzureißen. Der hinterhältige Mordanschlag auf die Synagoge in Halle zeigt, wie wichtig es ist, dass wir solidarisch an der Seite unserer jüdischen Schwestern und Brüder stehen müssen.   

 

Die Heldin heißt Rahab. Eine heidnische Frau, die direkt an einer Mauer lebt und arbeitet. An der Stadtmauer von Jericho als Sexarbeiterin. Ja, so eine war sie! Jahrzehntelang wurde ihre Geschichte nicht auf dem Predigtplan gesetzt. Eine Prostituierte als Heldin der Bibel, das ging viele Jahre in den Augen prüder Theologen gar nicht. Aber Rahabs Geschichte muss erzählt werden, denn von dieser Frau stammt eines der schönsten Bekenntnisse des Alten Testament. Zu den beiden Kundschaftern sagt sie:  „Der HERR, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden.“ Rahab, diese Frau an der Zonengrenze steht mit ihrem Glauben für einen Gott, der überall ist. Diesseits und jenseits der Mauer. Nicht nur bei den Anständigen und Braven, sondern überall – im Himmel und auf Erden.

 

*

 

Alles beginnt wie eine Agentengeschichte: Josua, Moses Nachfolger, steht mit dem Volk Israel im Ostjordanland. Drüben auf der anderen Seite – das dem Volk Israel verheißene Land, das ersehnte Ziel nach vierzig Jahren Wüstenwanderung. Als kluger Anführer schickt Josua zwei Männer als Spione, als Agenten aus, um die Kräfteverhältnisse auf der anderen Seite realistisch einschätzen zu können.


Die beiden Männer sehen sich in der stark befestigten Stadt Jericho um. Gegen Abend suchen sie eine Unterkunft. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass die Kundschafter ausgerechnet im Stundenhotel der Hure Rahab fündig werden. Vielleicht dachten sie, hier im Rotlichtviertel fallen wir als Fremde am wenigsten auf. Der Plan misslingt, die beiden fremden Männer erregen in der Stadt sofort Argwohn. Dem König werden sie als Spione gemeldet. Der lässt Sicherheitspersonal zum Etablissement der Rahab marschieren und die Herausgabe der Männer fordern. Doch Rahab versteckt die beiden fremden Männer vor den Schergen und erfindet eine elegante Notlüge. Den Soldaten schwindelt sie vor: „…ich weiß nicht, wo sie hingegangen sind. Jagt ihnen eilends nach, dann werdet ihr sie ergreifen.“ Die Hure versteckt die Männer und rettet so deren Leben. Eine Schwindlerin und Prostituierte als Vorbild für uns, auch das ist unsere Bibel! Sie riskiert ihr Leben für zwei Fremde, die ihre Stadt erobern wollen. Weshalb tut diese mutige Frau das?

*


Hier bringt die Geschichte erstmals den Glauben ins Spiel, der Mauern überwindet. Sie nimmt sich das Recht, aus Menschenliebe zu lügen. Rahab aus Jericho ist eine hellwache Zeitgenossin, die über Politik erstaunlich gut informiert ist. Sie hat erfahren, wie der Gott Israels sein Volk aus Ägypten befreit und durchs Schilfmeer geführt hat. Wie Jahwe seinem Volk die Kraft verliehen hat, die machtvollen Amoriter-Könige Sihon und Og zu besiegen. Rahab ist sich bewusst: Dieser Gott tut gewaltige Taten. Diesem Gott kann kein Mensch widerstehen. Rahab sieht ganz klar: Gott hat über das Schicksal unseres Landes seine Entscheidung getroffen. Sich ihm entgegenzustellen wäre sinnlos. Die Mauern Jerichos werden fallen, früher oder später. Rahab ist deshalb aber nicht vor Angst gelähmt, sondern nutzt klar und nüchtern die Gunst der Stunde.

 

Das berichten auch die mutigen Demonstranten aus Leizpig, Dresden, Magdeburg und Plauen, die vor 30 Jahren gegen das SED-Regime und für Reisefreiheit und den Fall der Mauer demonstriert haben. „Plötzlich war die Angst weg,“ sagten die Menschen im Nachhinein, als sie zu Tausenden auf der Straße waren und sich zusammenschlossen. Die Angst ist weg - eine Folge des Glaubens daran, dass Gott auch Mauern einreißen kann. Deshalb ist Rahabs Verhalten in der Kundschaftergeschichte weder Hochverrat noch berechnende Schläue, sondern Anerkennung der Wege Gottes. Sie erkennt: Dieser Gott wird die Mauern Jerichos zum Einsturz bringen. Es ist gut, sich ihm zu öffnen.  

 

*

„Wer ein Menschenleben rettet, dem wird es angerechnet, als würde er die ganze Welt retten. Und wer ein Menschenleben zu Unrecht auslöscht, dem wird es angerechnet, als hätte er die ganze Welt ausgelöscht.“ So lehrt später der jüdische Talmud. Niemand verlangt von uns, die gesamte Welt zu retten. Wir hoffen aber darauf, dass Gott über die ganze Welt regiert und uns Augen und Verstand gibt, dass unsere, was nötig ist, zu tun. Damit wir vielleicht ein oder zwei Menschen retten können, wie Rahab es tut. Oft wird in der Diskussion um Flüchtlinge eingewendet: Wir können doch nicht alle retten! Niemand verlangt das von uns - noch von Deutschland oder Europa. Aber wie Rahab klug und zupackend handeln, um ein oder zwei Fremde vor dem sicheren Verderben zu retten. Das könnte gehen.

 

Rahab macht es so, dass sie die beiden israelitischen Agenten durch ein Fenster in der Stadtmauer an einem Seil herablässt. Die Mauer wird durchlässig, zumindest für einen Augenblick. Aber bevor sie die beiden abseilt, fordert sie ein verlässliches Zeichen von den beiden Agenten. Sie müssen einen Eid schwören, dass Rahab am Leben bleiben wird, wenn die Israeliten Jericho einnehmen. Und die beiden Männer verspreche, bevor sie ins Gebirge fliehen: „Wir wollen den Eid so einlösen, den du uns hast schwören lassen: Wenn wir ins Land kommen, so sollst du dies rote Seil in das Fenster knüpfen.“ Die Schnur aus rotem Faden, die ja sprichwörtlich geworden ist, hat eine Bedeutung. Das hebräische Wort für Schnur und für Hoffnung ist dasselbe: „Tikwa“. Mit dem roten Faden bindet Rahab ihre Hoffnung sichtbar ans Fenster. Eine Prostituierte als Vorbild der Hoffnung, wer hätte das gedacht! Rahab macht mir Mut, dass auch wir Christen uns für Menschen und Menschenrechte einsetzen können. Und dass es dabei nicht um die Frage gehen darf, welchem Volk oder welchem Glauben ein Mensch anhängt. Der mutige Glaube, der hingeht und  Leben rettet, das ist der richtige.

*

 

Was das Josuabuch von Rahab erzählt, das ist kein echter historischer Bericht. Die Geschichte aber macht Mut, mit dem Fallen von Mauern zu rechnen. Auch ikn Zukunft. Sie bestärkt mich in dem Glauben, dass Gott auch Gutes durch Menschen bewirken kann, denen wir es zunächst gar nicht zutrauen würden. Gott kann auch auf ungeraden Linien gerade schreiben.  Für Rahab bedeutete Glaube: Das tun, was jetzt nötig und geboten ist. Ihr Glaube hat sich nicht mit Lippenbekenntnissen begnügt, sondern ist tätig geworden. Damit unterbricht ihre Geschichte, ihr Glaube, auch die Spirale der Gewalt inmitten der Eroberungsgeschichten um sie herum. Ein guter roter Faden, finde ich: eine große Portion Gottvertrauen im Rücken zu spüren und dann an dieser Welt mit zu gestalten ohne die Sprache der Gewalt. Das ist manches Mal überraschend. Alle vier Frauen aus dem Stammbaum Jesu - Tamar, Rut, Batseba und eben Rahab - sind Fremde oder haben Befremdliches getan. Und gerade so sind sie für uns Vorbilder des Lebens und des Glaubens.

 

Amen.

 
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