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Möchten Sie die neueste Predigt aus der Kirche in Oberneuland noch einmal nachlesen? Dann sind Sie hier goldrichtig!

Mein Stil ist einfach, elementar, volkskirchlich, in bestem Sinne missionarisch. Dabei geht es darum, die Probleme und Sorgen der vermuteten Hörerinnen und Hörer einzubeziehen.

Etwa alle 14 Tage erscheint auf dieser Seite eine neue Predigt. Die alten Predigten werden dann gelöscht. Es ist wie mit dem täglichen Brot: Es sollte frisch sein - so auch die Predigt.

Gottes Segen wünscht      Ihr Frank Mühring

 

„Seht auf und erhebt eure Häupter“

Predigt zu Lukas 21,25-28

Pastor Frank Mühring           Bremen, 8.12.2019

 

Der Evangelist Lukas schaut in Zukunft und schreibt:

Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.   Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

Lukas 21,25-28

Liebe Gemeinde!

„Fürchtet euch nicht!“ Diese drei Worte sind die Zusammenfassung der ganzen Heiligen Schrift, hat der große Schweizer Dogmatiker Karl Barth gesagt. „Fürchtet euch nicht!“ Eine sehr aktuelle Botschaft. Wir leben im Zeitalter der Angstmacher. Sie sind zahlreich unterwegs. Die Angst vor dem Absturz ist kein Privileg der Unterprivilegierten mehr. Die Furcht vor dem Niedergang hat längst die Mittelklasse erreicht. Man hat Angst, dass es den eigenen Kindern und Enkeln einmal schlechter gehen könnte als einem selbst. Bisher ging es immer bergauf. Und nun scheint es nur noch bergab zu gehen, wie manche Bedenkenträger meinen.

Unser Gehirn erfasst immer zuerst das Schlechte zu dem Ergebnis kommt ein Team um Professor Robert Murphy von der Universität Oxford mit Versuchspersonen. Angst bekommen wir automatisch. Entängstigung für Bangbüxen tut not. „Fürchtet euch nicht!“ So lautet das Gegengift der Bibel. Haltung zeigen, sich nicht von eigener Furcht verbiegen lassen. Das ist heute angesagt. Der Evangelist Lukas sagt es nur eine Nuance anders: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ Als wollte er Menschen, den nur mit gesenktem Kopf auf die Nachrichten ihres Handys starren, empfehlen: Schaut euch mal um, und deutet die Zeichen der Zeit am Himmel. Euer Erlöser ist schon unterwegs. Er kommt bald. Auch zu Dir. Achte auf die Zeichen seines Kommens!

*

„Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde.“

Am zweiten Advent geht es darum, die Zeichen der Zeit zu deuten. Was haben wir in diesem Jahr nicht alles für Zeichen zu lesen bekommen. Seltsam, da ist es Dezember und wir haben 11 Grad und Nieselregen. Manche Zeichen erkennst du nur an der Stille. Es gab einen heißen Sommer, in dem viele Bienen gestorben sind. Du sitzt im Garten und es ist ruhig. Totenstill. Da summt nichts mehr. Es zwitschert auch nichts mehr. Denn es gibt kaum noch Singvögel, dafür sind viele schwarze, gruselig große Krähenexemplare aufgekommen. Heben wir bei solchen Zeichen unseren Kopf und sehen hin? Oder sagen wir nur lässig: Es ist, wie es ist?

In diesem Jahr erlitten wir zahlreiche Überschwemmungen. In Indien gab es über 200 Tote nach einem heftigen Monsunregen. Aber wir merken bei solchen Zeichen kaum auf, denn Indien ist weit weg. Wir horchen vielmehr auf, wenn es heißt Mallorca und Venedig leiden unter Wassermassen. Orte, die wir kennen. Auch solche deutlichen Zeichen konnte man in diesem Jahr wahrnehmen. In der Lagunenstadt Venedig bekamen die Touristen auf dem Markusplatz nasse Füße.

An anderen Stellen der Erde wüten Brände ohne Zahl. In Kalifornien brannte es heftig. In Sydney in Australien toben noch immer die Feuer so heftig, dass man noch 1000 Meilen davon entfernt Atemprobleme bekommt. Im April brannte mitten in Paris die Kirche Notre Dame. Ein nationales Symbol in Flammen. Und in Brasilien wurde wieder einmal ein großer Teil des Regenwaldes vernichtet. Die Lunge der Erde hat Brandflecken bekommen. Zeichen am Himmel und auf der Erde. Starke, unübersehbare Zeichen. Doch die Völker scheinen weiterzumachen wie bisher. Nur hier und da schreit jemand: Halt! So können wir nicht weitermachen. Doch die meisten beruhigen sich und sagen sich: Das ist ja weit weg von uns.

*

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Lukas will einen Weckruf an seine Gemeinde senden. Er will Menschen in ihrer Angst wachrütteln, um ihnen zu sagen: Was woanders auf der Welt geschieht, das geht auch uns an! Er fordert mehr als das bloße Hinsehen. Schaut hin und erhebt euren Kopf. Senkt ihn nicht herab in Resignation, um zu sagen: Was kann ich Einzelner schon tun? Dorothee Sölle hat einmal mit Recht gesagt: Das ist ein atheistischer Satz. Mit Gottes Hilfe kann auch ein Einzelner unheimlich viel verändern. Lukas geht es nicht darum, das apokalyptische Feuer der Angst noch mehr anzuheizen. Er will uns auf ein anderes Zeichen der Zeit hinweisen.

Ein Menschensohn soll kommen. Spannend, dass Lukas nicht sagt: Der Gottessohn, der Messias kommt. Hier wird einer herbeigesehnt, dessen Markenzeichen Menschlichkeit ist. Der vom Himmel in die Tiefe kommt. Der keine Angst macht, sondern unsere Ängste kennt. Weil er ein Mensch ist, der lebt und fühlt und mitdenkt. Das macht Jesus zum wahren Gott, dass er so total und vollkommen auf der Seite von uns Menschen steht.  

„Die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.“ Die Zeichen der Zeit. Wie lernen wir sie richtig zu deuten?

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„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ Der Evangelist Lukas rät dazu, die Zeichen der Zeit richtig zu deuten. Sein Advent verschließt nicht die Augen vor den Leiden dieser Welt. Christlicher Glaube verbreitet keine Weltuntergangsstimmung oder Panik. Die Worte des Lukas wollen uns die Angst nehmen.  Sie wollen diejenigen Leute unter uns trösten und stärken, denen im Moment nicht nach Feiern, Glühwein und Seligkeit zu Mute ist. Bei denen sich der Knoten im Leben noch nicht gelöst hat. Erlösung, das ist eine Hoffnung, die noch aussteht.

Lukas setzt auf dem Menschensohn. Statt Panikmache und Schwarzmalerei zu betreiben, setzt Lukas auf ein anderes Zeichen. Er schaut nach vorn, auf das Ende der Zeit. Dann wird der Menschensohn wiederkommen. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.   Eine Wolke, das klingt nach Geborgenheit. Dieser König kommt nicht mit den Insignien von Stärke und Macht. Dieser König kommt in niedern Hüllen, wie es ein eher unbekanntes Adventslied sagt. Man kann die Provokation, die darin liegt, dass Jesus als sanftmütiger Mensch als Erlöser zu uns kommt, nicht hoch genug schätzen. Das ist eine gewaltige Korrektur zu Heilsbringern unserer Zeit. Die halten sich selbst für die Lösung aller Dinge. Jesus sagt: Es steht noch etwas aus. Wir haben noch einen Weg vor uns. Wir sind noch nicht erlöst. Aber wir dürfen darauf vertrauen, am Ende erlöst zu sein. Habt keine Angst.

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Der große mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin nennt in seinem riesigen  Werk "Summa Theologiae" fünf überraschend einfache Mittel gegen Frust und Traurigkeit. Kleine ganz praktische Lösungen,  Schritte auf dem Weg zu Erlösung.

Die erste ist das Genießen. Gönn dir etwas Gutes, sagt er. Sei dankbar für die Gaben dieser Welt: ein guter Schluck, etwas Feines zum Essen, ein schönes Musikstück. Lerne zu genießen, solange du Zeit hast, damit du nicht ungenießbar wirst.

Das zweite Mittel zu Erlösung ist verblüffenderweise: Weinen. Weine über das, was dich traurig macht. Wo du erkennst, wie unterlöst diese Welt ist. Weinen macht weicher. Augen, die geweint haben, sehen die Welt klarer und in milderem Licht. Auch der sanftmütige Menschensohn Jesus hat geweint. Thomas von Aquin bezeichnet die Tränen des Menschen sogar als "das erlösende Sakrament".

Thomas‘ Rat Nummer drei lautet: mit Freunden sprechen. Geteiltes Leid ist halbes Leid, sagt man. Lass dir von anderen helfen, dich von den Fesseln deiner Traurigkeit zu lösen. Dann wird sich auch bei dir der Knoten lösen.

Die vierte Erlösung, die Thomas von Aquin vorschlägt, ist das Betrachten der Wahrheit. Heute würden wir dazu sagen: der Fakten-Check. Lass dich nicht einwickeln von falschen Verführern und „fake news“. Suche mit klarem Verstand nach der Wahrheit. Frag nach, frag nach den Zahlen, den Daten, dem Messbaren. Verlass dich nicht allein auf deine Gefühle und Ängste. Behalte deinen kühlen Kopf.

Der fünfte Rat von Thomas lautet: Schlafen. Weil diese menschliche Regung am deutlichsten zeigt, dass du loslassen musst, wenn du erlöst sein willst. Du kannst dich im Traum von allem lösen. Sei barmherzig mit dir und gönne dir in den dunklen Wochen des Jahres ausreichend Schlaf. Er gibt dir Kraft, von falschen Dingen zu lösen.

Nicht um Angstmache und Untergang, sondern um Erlösung geht es im Advent. Um die „frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt“ wie um die frohe Befreiung der ganzen Welt aus den machtvollen Bindungen des Todes.
Da steht uns einiges bevor. Und darüber dürfen wir uns freuen. Auch heute.
Darum: Ängstigt Euch nicht. Fürchtet Euch nicht. Wer auf Christus vertraut, der wird selbst zum Hoffnungsträger.  

Amen.

 
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