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Meine aktuelle Predigt                      

Möchten Sie die neueste Predigt aus der Kirche in Oberneuland noch einmal nachlesen? Dann sind Sie hier goldrichtig!

Mein Stil ist einfach, elementar, volkskirchlich, in bestem Sinne missionarisch. Dabei geht es darum, die Probleme und Sorgen der vermuteten Hörerinnen und Hörer einzubeziehen.

Etwa alle 14 Tage erscheint auf dieser Seite eine neue Predigt. Die alten Predigten werden dann gelöscht. Es ist wie mit dem täglichen Brot: Es sollte frisch sein - so auch die Predigt.

Gottes Segen wünscht      Ihr Frank Mühring

 

„Sei sehend!“

Predigt zu Lukas 18,31-43

Pastor Frank Mühring      Bremen, 23.2.2020

 

Er (Jesus) nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war.

 

Es begab sich aber, als er in die Nähe von Jericho kam, dass ein Blinder am Wege saß und bettelte. Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. Da berichteten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorbei. Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!
Jesus aber blieb stehen und ließ ihn zu sich führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann.
Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.                (Lukas 18,31-43)

 

Liebe Gemeinde,

 

„Hallo, Schwester! Hallo! Kein Mensch kommt!“ Herr Wiesenthal, der so tönt, lebt im Seniorenheim an der Bahn. Auf dem Flur kann man ihn schon von weitem hören. Mit seiner lauten Stimme übertönt er selbst das Radio. Herr Wiesenthal ist an Demenz erkrankt. Er ruft permanent: „Hallo, Schwester! Hallo! Kein Mensch kommt!“ Oft klopft er mit seinen Fingernägeln laut auf den Tisch, um seinem Ruf Nachdruck zu verleihen. Die anderen Bewohner sind maximal genervt. „Halt doch endlich mal die Klappe,“ ist noch das Freundlichste, was er zu hören bekommt. Herr Wiesenthal schweigt nur kurz, dann geht es monoton weiter. „Hallo, Schwester! Hallo! Kein Mensch kommt!“ Nach dem Frühstück in der Wohnküche schieben ihn die Pflegekräfte wieder in sein Zimmer zurück. Bis zum Mittag bleibt er dann hinter der geschlossenen Tür. Seine Lärmbelästigungen sind kaum auszuhalten. Unzumutbar, sagen selbst wohlmeinende Pflegende wie Bewohner. Herr Wiesenthal, ein Mensch, der stört.

*

 

Auch in unserer Geschichte ruft einer und stört. Eine Dreigroschenoper ist sie, die unsere Augen öffnen will für die andere Seite des Lebens, die wir oft verdrängen. Ein Blinder ohne Namen sitzt am Wegesrand und bettelt. Er kann nichts sehen, aber aus Leibeskräften um Hilfe schreien. „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Meiner Seele, meines Jammers, meiner ganzen Existenz. Nervtötend laut ist der Mann. Das geht so nicht, denken viele. So übergriffig darf man doch unseren Jesus von Nazareth angehen. Hat der Heiland nicht Wichtigeres zu tun, als sich diesem Einzelnen zuzuwenden? „Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen.“ – „Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich!“

Zwei, die sich unzumutbar laut melden. Die um Hilfe schreien. Der eine nach der Schwester, der andere nach Jesus. Beide sollen zum Verstummen gebracht werden. Der eine wird in sein Zimmer abgeschoben, damit ihn keiner mehr hört. Bei dem Blinden geschieht ein Wunder. Ein seltsames Wunder, das mit einer Frage eingeleitet wird. Jesus wendet sich dem Blinden zu und fragt ihn: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ Eine Frage, etwas in Bewegung bringt. Kein Gerede von: Der Typ stört, der nervt, der ist lästig, wie ist das peinlich oder das geht nicht.

Anderes unterbleibt: Die gut gemeinte, aber vereinnahmende Hilfe. Jesus wirft dem Bettler kein Geld zu, obwohl er vielleicht etwas in der Tasche hatte. Und Jesus vertagt auch nicht das Problem, indem er erstmal einen Ausschuss für diakonische Fragen einberuft.

 

*

 

Worum geht es eigentlich beim Glauben? Um Rettung meiner eigenen Seele? Um Hilfe für andere? Um das Warten auf ein Wunder? Um Heilung von unserer Blindheit? Geht es nicht beim Thema „Glauben“ immer ums Ganze? Um die Bewahrung der Erde und des Klimas, um die Rettung der Menschheit vor Krieg und Rassismus? Um wichtige, letzte Fragen des Menschen und um Gott? Kann uns dafür diese intime Begegnung zwischen einem schreienden Blinden und Jesus überhaupt für solch große Fragen die Augen öffnen?

 

In dieser Geschichte geht es um eine „Sehschule des Glaubens“. Um einen Perspektivwechsel. Dass wir nicht nur uns unser Seelenheil sehen. Sondern den Nächsten. Dass wir auch Menschen in den Blick nehmen, die bei uns leicht aus unserem Blickfeld geraten. Von denen ruft einer Jesus um Hilfe und Zuwendung. Laut und lästig. Ums Stillwerden und Schweigen vor Gott, was in Kirche ja manchmal dran sein kein, geht es hier nicht. Hier wird eher thematisiert, dass wir immer zu leise sind. Dass wir lauter, eindringlicher, energischer sein müssen mit unseren Gebeten. Dass wir uns zeigen müssen mit unseren Aktionen, wenn wir bei Jesus Gehör finden wollen. Dass wir klopfen, trommeln, uns melden dürfen, wenn wir Hilfe nötig haben. Jesus begegnet nicht als Wundertäter, dem mit einem Fingerschnippen alles gut macht. Sondern als einfühlsamer Seelsorger, der weiß, dass jeder Mensch ein Recht hat, selbst über sein Leben zu bestimmen. Auch über den Weg, wie ihm geholfen werden kann. So fragt er. „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“

 

*

 

Diese schlichte Frage Jesu „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ kann die Welt verändern. Sie hat große Sprengkraft, denn sie stellt auch unser übliches Denken und Handeln auf den Kopf. Darin steckt ein Perspektivwechsel. Sie fragt nach der Hauptsache. Was wäre, wenn Eltern nicht für ihre Kinder den Lebensplan ausarbeiten, sondern fragen: „Wir können wir dich bei deinem Weg bestmöglich unterstützen.“ Was wäre, wenn ein Arzt nicht schon immer die fachliche Therapie ausgearbeitet im Kopf hätte, sondern seine Patienten in einem Moment der Besinnungin Ruhe fragen würde: „Was willst du, dass ich tun soll, um dich gesund zu machen?“ Wie würde es in unseren Vorstandsetagen zugehen, wenn die Männer im Vorstand die Frauen des Unternehmens fragen würden: „Was braucht ihr an Unterstützung, damit auch ihr ganz nach oben kommt. Was braucht es, damit wir das Ziel von gleicher Bezahlung und mehr Gerechtigkeit erreichen?“ Wie würde sich unsere Wirtschaft verändern, wenn die Frage lauten würde: „Was für Dinge sollten wir produzieren, damit wir den Menschen dienen?“ Und nicht: „Welche Bedürfnisse können wir beim Verbraucher hervorrufen?“ Wie würden unsere Schulen sich verändern, wenn Lehrerschaft und Eltern sich zusammentun, um zu beraten: „Welche Art Schule brauchen unsere Kinder, damit sie gut auf das Leben vorbereitet sind.“ Wie würden das Zusammenleben in Deutschland aussehen, wenn wir Biodeutsche auf die anders aussehenden Mitbürgern hier bei uns zugehen würden, um zu fragen: „Was können wir für euch tun, damit ihr hier bei uns geborgen und ohne Angst leben könnt?“

 

Die schreiende Blinde steht für den blinden Fleck bei uns. Für alles, wovon wir träumen. Für das, wonach wir vielleicht schon längst nicht mehr uns sehnen, weil wir die Hoffnung auf Veränderung aufgegeben haben. Wer die Frage: „Was soll ich für dich tun?“ ernsthaft stellt, der stellt sich fürsorglich, nicht oberflächlich. Und bevormundet nicht, sondern bezieht sein gegenüber mit ein. Die Frage fördert nicht nur einen Einzelnen. Sie fördert den Gemeinschaftssinn. Sie richtet unser Handeln am anderen aus. Es tut uns gut, wenn jemand auf unsere innersten Bedürfnisse achtet. Uns respektiert, nach unserem Willen fragt.

 

*

 

Der Blinde ist in der Wundergeschichte am Ende der Sehende. Und die Augen im Kopf haben, die sind blind. Lukas hat die Geschichte bewusst so schräg gestaltet. Ja, man kann Augen im Kopf haben und doch falsche Wege gehen und sich verirren. Auch im Glauben ist das möglich, meint Lukas. Was uns zurechtbringt, das ist der Blick auf Jesus. Das wir uns nach ihm und seinem Weg ausstrecken. Wenn selbst ein Blinder zu ihm findet, dann doch auch ich.

 

Am Ende heißt es: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.  

Es ist großartig für den Blinden, dass Jesus ihm auch noch das Augenlicht schenkt. Doch die Hauptsache ist, dass er von Jesus wahrgenommen wird. Jesus nimmt ihn wahr und begegnet ihm als Menschen. Und gibt ihm damit seine Würde. Das zeigt sich auch daran, wie er mit ihm umgeht. Es ist der blinde Mensch, der festlegt, was er möchte.

Was willst du, dass ich für dich tun soll? Mit dieser persönlichen Anrede wird der randständige Bettler zum mündigen Gegenüber. Er wird gehört und er sagt selbst, was er möchte. Jesus öffnet ihm die Augen für Gott. Du bist einer, der zu Gott gehört. Du bist einer der Angesehenen Gottes. Erst jetzt und wohl nur für einen Moment erkennen das auch die Umstehenden und preisen Gott. Jesus sieht uns an – mit ihm kommt ein Mensch. Gott sei Dank.

 

Amen.

 

 

 

 
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